Kultur
Da hatte man dann freilich keine Zeit mehr, sich ruhig abzufinden mit den Verhältnissen der Naturordnung.
Zum Abschluss der Woche mit Aussprüchen antiker „Kulturkritik“ folgt eine längere, anspruchsvolle, aber sehr gehaltvolle Passage aus Zhuangzi, der diese Kritik immer wieder in verschiedenen Varianten wortgewaltig und bilderreich vortrug. Was hier mit LEBEN („De“) übersetzt wird, kommt dem nahe, was wir unter Rechtschaffenheit, Tugendhaftigkeit und Weisheit verstehen. Es geht Zhuangzi darum, das Wesen und die Natur der Dinge zu achten und sie nicht den schrankenlosen Eingriffen selbstbezogener Interessen auszusetzen. Denn so zerstören wir das Gleichgewicht in der Natur und damit uns selbst und unsere Welt:
„Ich weiß davon, daß man die Welt leben und gewähren lassen soll. Ich weiß nichts davon, daß man die Welt ordnen soll. Sie leben lassen, das heißt, besorgt sein, daß die Welt nicht ihre Natur verdreht; sie gewähren lassen, das heißt, besorgt sein, daß die Welt nicht abweicht von ihrem wahren LEBEN [von dem natürlichen Ausgleich der in ihr waltenden Kräfte]. Wenn die Welt ihre Natur nicht verdreht und nicht abweicht von ihrem wahren LEBEN, so ist damit die Ordnung der Welt schon erreicht [das innere Gleichgewicht gewahrt]. Der heilige Herrscher Yau suchte die Welt zu ordnen, indem er sie fröhlich machte; aber wenn die Menschen mit Lust ihrer Natur bewußt werden, geht die Ruhe verloren [man soll intuitiv von innen heraus das Richtige tun, nicht aufgrund eines berechnenden Verstandes, der sich ganz in den Dienst bloßer Luststeigerung gestellt hat]. Der Tyrann Gië suchte die Welt zu ordnen, indem er sie traurig machte; aber wenn die Menschen unter ihrer Natur zu leiden haben, so geht die Zufriedenheit verloren. Verlust der Ruhe und Zufriedenheit ist nicht das wahre LEBEN. Daß ohne das wahre LEBEN dauernde Zustände geschaffen werden [Friede und Harmonie], ist unmöglich. Wenn die Menschen zuviel Freude haben, so wird die Kraft des Lichten [Yang] zu sehr gefördert; wenn die Menschen zu sehr gereizt werden, so wird die Kraft des Trüben [Yin] zu sehr gefördert. Eine Steigerung dieser Kräfte [ins Übermaß] führt dazu, daß die vier Jahreszeiten ihren rechten Lauf nicht haben [der natürliche Gang der Dinge wird gestört], daß Kälte und Hitze nicht ihren Ausgleich finden [Zhuangzi ist sehr aktuell!]. Dadurch wiederum wird der Menschen Leiblichkeit gestört, so daß der Menschen Lust und Groll ihre Grenzen überschreiten; sie werden unbeständig in ihrem Wesen und unbefriedigt in ihren Gedanken; sie lassen auf halbem Wege die Arbeit unvollendet liegen: auf diese Weise entstehen in der Welt Hoffart [Dünkel, anmaßender Stolz], Mißgunst, ehrgeiziges Tun und Eifersucht. Und so kommt es zu den Taten der Bösewichte und Tugendhelden [weil die Natur des Menschen unausgeglichen ist]. Darum ist es unzulänglich, die Welt heben zu wollen durch Belohnung der Guten, und es ist unmöglich, die Welt zu heben durch Bestrafung der Bösen [es ist nicht möglich, die Welt durch Gesetze und äußere Anreize besser zu machen, wenn sich das Innere der Menschen, ihre Werte und Haltungen, nicht wandeln]. Die Welt ist so groß, daß man ihr mit Lohn und Strafe nicht beikommen kann. Vom Anbeginn der Weltgeschichte gab es nur Aufregung [die Menschen hatten ihre Mitte verloren, waren durch die Erkenntnis von Gut und Böse aus dem Paradies vertrieben worden]. Immer gab man sich nur damit ab, zu belohnen und zu strafen [anstatt das natürliche Gefühl für das Gute, Richtige und Naturgemäße im Innern der Menschen zu kultivieren]. Da hatte man dann freilich keine Zeit mehr, sich ruhig abzufinden mit den Verhältnissen der Naturordnung [aus der Geborgenheit des Innern heraus „naturgemäß“ zu leben].“
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Nutzen Sie die täglichen "Worte der Weisheit", um fünf Minuten Atem und Geist zu beruhigen, still zu werden und sich auf das Wesentliche Ihres Lebens zu konzentrieren.