Mitte
Wer die Mitte wahren kann, verdient höchsten Ruhm.
Bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi lesen wir folgende Geschichte:
„Im Staate Lu war einmal ein Mann, der lebte in Felsklüften und trank Wasser und hielt sich fern von allem Streben nach weltlichem Gewinn. So war er siebzig Jahre alt geworden, und sein Antlitz war noch frisch wie das eines Kindes. Unglücklicherweise begegnete er einmal einem hungrigen Tiger. Der hungrige Tiger fraß ihn auf. Da war auch ein anderer Mann, der lebte mit Arm und Reich in regem Verkehr. Als er aber vierzig Jahre alt geworden war, da bekam er ein innerliches Fieber, an dem er starb. Der eine dieser beiden pflegte sein Inneres, aber der Tiger fraß sein Äußeres; der andere pflegte sein Äußeres, aber die Krankheit griff sein Inneres an. […] Kung Dsi (Konfuzius) hat einmal gesagt: Sich nicht zurückziehen und verbergen, nicht hervortreten und sich zeigen, frei von allen Nebengedanken die Mitte wahren; wer das erlangt hat, der ist sicher höchsten Ruhmes würdig.“
„Mit Arm und Reich in regem Verkehr leben“ bedeutet, ein nach Außen gerichtetes Leben führen. „Hervortreten und sich zeigen“ meint, Ehre und Ansehen erstreben. Zhuangzi scheint Konfuzius Recht geben zu wollen, der bei der Frage, wie viel „äußeres“ oder „inneres“ Leben wir pflegen sollten, die Mitte empfiehlt, und zwar „ohne Nebengedanken“, d. h. ohne sich insgeheim etwa nach Ruhm zu sehnen oder hervorzutreten zu wollen. Die Kunst des Lebens liegt in einem ausgeglichenen Wechsel von vita activa und vita passiva, von selbstwirksamem Handeln im Außen und Sammlung im Innern. Das nannten die Stoiker den „schönen Fluss des Lebens“, man würde heute sagen: Flow.
____________________________________________________
Nutzen Sie die täglichen "Worte der Weisheit", um fünf Minuten Atem und Geist zu beruhigen, still zu werden und sich auf das Wesentliche Ihres Lebens zu konzentrieren.